Herwart Siegfried Opitz

Herwart Siegfried Opitz war ein ehemaliger Professor und Rektor der RWTH Aachen. Er leitete von April 1936 bis April 1946 sowie von März 1948 bis Oktober 1973 das Werkzeugmaschinenlaboratorium der RWTH Aachen (WZL).1,2,3 Opitz gilt als einer der Wegbereiter für den wissenschaftlichen Erfolg des WZL, seine jahrzehntelange Leitung prägt dessen Arbeitsstil und Ausrichtung bis heute.4 Als Erinnerung an ihn steht eine Büste von ihm im Hauptgebäude des WZL. Seine Verstrickungen in den Systemapparat der Nationalsozialisten darf man allerdings keinesfalls außer Acht lassen. Opitz war Mitglied der NSDAP, der SA und stellvertretender Dozentenbundführer. Ob er diese Mitgliedschaften aus politischer Überzeugung oder aus Karrieregründen anstrebte, ist unter der heutigen Quellenlage nicht mehr rekonstruierbar. Indizien für aktiven Widerstand gegen das System sind aus dieser aber genauso wenig erkennbar, sodass seine Entnazifizierung durch die Alliierten und die damit verbunden Wiedereinsetzung als Leiter des WZLs aus heutiger Sicht fragwürdig sind. Seine Beteiligung in den nationalsozialistischen Gremien wurde von ihm selbst aber auch seitens der Hochschule lange Zeit nicht aufgearbeitet.

Büste im WZL
AStA der RWTH

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Werdegang der Person Herwart Opitz, seiner Rolle für das WZL und die RWTH, seinen Verstrickungen in den Nationalsozialismus sowie seine Rolle in Aufarbeitung und Erinnerungskultur der RWTH. Es geht darum, zu verstehen, warum seine Verstrickung in das NS-System sowohl von ihm als auch von der Hochschule lange Zeit verschwiegen wurde. Gleichzeitig geht es um die Frage, wie heute mit einer solchen Büste umgegangen werden kann. Die Person Herwart Opitz stellt Betrachtende dabei vor einige schwierige Herausforderungen, etwa die nach quellenbasierter Aufarbeitung und einem politischen Werturteil aus heutiger Sicht, oder der Abwägung individueller Schuld in einem System, das nicht zuletzt auch von vermeintlichen Mitläufern getragen wurde.

Wie also lässt sich Herwart Opitz Engagement während der NS-Herrschaft aus heutiger Quellenlage einschätzen? Welche Rückschlüsse lassen sich darüber hinaus im Hinblick auf seine persönliche politische Gesinnung ziehen? Es geht dabei sowohl um die historische korrekte Aufarbeitung, die sich an der vorhandenen Quellenlage orientieren muss, als auch um die schwierige Frage, wie sich heute zu einem solchen Erbe positioniert werden kann und soll. Wie sollte heute mit Denkmälern, etwa der Opitz-Büste im WZL oder entsprechend benannten Hörsälen, umgegangen werden?

Ein kurzer Zeitlicher Abriss:

Herwart Opitz wird 1905 in Wuppertal geboren. Seine wissenschaftliche Karriere beginnt 1925 an der Technischen Hochschule München. 1928 absolviert er seine Diplomprüfung an der Technischen Hochschule Berlin und wechselt im Oktober 1928 als Assistent von Adolf Wallichs (damaliger Direktor des WZL) an das WZL. Dort promoviert er im Jahre 1930 mit einer Arbeit über die Zerspanbarkeit von Automatenstahl.5

Im April 1933 tritt Herwart Opitz in die NSDAP und die Sturmabteilung (SA) ein.6 Im April 1934 übernimmt Opitz eine Stelle als Oberingenieur am WZL, erhält anschließend seine Habilitation und wird 1936 der Nachfolger Wallichs als Direktor des WZL.7,8 In der SA wird Opitz 1938 zum „Sturmmann“ befördert. Dies ist vergleichbar mit dem Rang eines „Gefreiten“ in der Bundeswehr.9 Während der Schließung der RWTH hat Opitz das Amt des stellvertretenden Dozentenbundführers inne.10
Nach dem Ende des Krieges muss sich Opitz einem Entnazifizierungsverfahren der Alliierten unterziehen. Im April 1946 wird er aus dem Lehrbetrieb entlassen und bekommt im Dezember 1947 einen Einreihungsbescheid, welcher ihm eine Mittäterschaft attestiert. In der Folge wird er aus dem Hochschuldienst entlassen und ihm jegliche finanzielle Unterstützung entzogen. Dennoch erhält er in einer erneuten Öffnung des Verfahrens – das ihm rechtlich eigentlich gar nicht zustehen würde – am 03.03.1948 einen Entnazifierungsbescheid, der ihm die Rückkehr an die Hochschule ermöglicht. Daraufhin wird Opitz von der RWTH wieder eingestellt. In den nächsten Jahren seines Wirkens legte Opitz die Grundsteine für die heutige Arbeit des WZL.11 Unter seiner Leitung wurde das Aachener Werkzeugmaschinen Kolloquium (AWK) das erste Mal durchgeführt.12 In den Jahren 1958/59 und 1967-1969 ist Opitz Rektor der RWTH.13 Im Jahr 1973 wird Herwart Opitz emeritiert.14

Übergabe der Amtskette
HArch Aachen, AMA, 1968, S.22
Bildrechte: Foto-Preim , Aachen

Opitz Verstrickungen in den NS-Apparat und (Mit-)Schuld an nationalsozialistischen Verbrechen:

Die Beurteilung der Rolle von Herwart Opitz im NS-System und die Bewertung seiner persönlichen Schuld ist aufgrund der lückenhaften Quellenlage schwierig. Einerseits ist seine Mitgliedschaft in zahlreichen NS-Organisationen belegt, andererseits fehlen Zeugnisse zu seinem persönlichen Verhalten und seiner ideologischen Einstellung völlig.

Opitz war Mitglied in der NSDAP. Weitere Quellen, mit deren Hilfe die genaue Intention seines Eintritts sowie die politischen Überzeugungen von Opitz ermittelt werden könnten, liegen nicht vor. Die Möglichkeiten reichen hier von ideologischer Überzeugung bis hin zu Opportunismus im Hinblick auf die eigene wissenschaftliche Karriere.15 Neben überzeugten Anhängern des Nationalsozialismus traten auch viele Mitläufer und Opportunisten in die NSDAP ein, um ihre wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Karrieren fortführen zu können. In der Zeit nach 1933 wurden so viele Menschen Mitglieder, dass es Aufnahmestopps gab. Diejenigen, die sich schon in der Zeit vor der Machtübernahme im Januar 1933 für den Nationalsozialismus engagierten, waren nur noch eine kleine Minderheit verglichen mit den erst unter dem Eindruck des politischen Erfolgs eingetretenen Parteimitgliedern.16
Im November 1933, also etwa ein halbes Jahr vor dem Beginn seiner Arbeit am WZL, tritt er der SA bei. In dieser Zeit ist die SA eine Parteimiliz, die Terror und Gewalt an der eigenen Bevölkerung ausübt, um die politischen Ziele der NSDAP durchzusetzen. In Folge interner Machtkämpfe verliert die SA im Jahr 1934 jedoch ihre zentrale Bedeutung. Aus politischen Schlüsselpositionen wird sie verdrängt und von Himmlers SS abgelöst. Fortan spielt die SA für die NS-Herrschaft nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie verliert außerdem in der Zeit von Juni 1934 bis September 1934 mit 1,9 Millionen fast die Hälfte ihrer Mitglieder.17,18 „Die zahlenmäßig dezimierte SA [fungiert ab Juni 1934] insbesondere als Wehrsportorganisation und Veteranenverband und während des Zweiten Weltkrieges […] [übernimmt] sie Hilfsfunktionen für die Wehrmacht“. 19 Nachdem Opitz in die freie Wirtschaft wechselt, will er auch seine Mitgliedschaft in der SA pausieren. Er begründet seine Beurlaubung damit, dass er jetzt, wo er nicht mehr an der RWTH, sondern in der freien Wirtschaft arbeite, keine Zeit für beide Dienste gleichzeitig habe. Seinem Antrag wird stattgegeben. Aus heutiger Sicht kann nicht mehr rekonstruiert werden, welche Aufgaben Opitz in der SA hatte, insbesondere auch nicht, ob der Grund für seine Beurlaubung valide war.20 Als Leiter des WZL, tritt er erneut der SA bei und wird zum „Sturmmann“ befördert.21 Diese Beförderung erhielten alle Mitglieder, die länger als 6 Monate Mitglied waren und grundlegende Fähigkeiten vorweisen konnten.22 Dies ist vergleichbar mit dem Rang eines „Gefreiten“ in der Bundeswehr.23

Opitz bei einer Rede
HArch Aachen, 3.2.8_ai
Neben den oben aufgeführten Mitgliedschaften in den Parteiorganisationen absolviert Opitz außerdem ein 10-tägiges angeordnetes Arbeitslager und besucht anschließend einen Lehrgang der Dozentenakademie. Dies ist eine der Voraussetzungen, um die Habilitation zu erlangen. Die Beurteilung dieser Veranstaltungen hat ebenso Einfluss auf die weitere Karriere der Teilnehmenden. Sie müssen eine positive Beurteilung vorweisen, um als Beamter vereidigt zu werden. Herwart Opitz bekommt eine solche positive Beurteilung.24,25Dies verdeutlicht, dass eine wissenschaftliche Karriere unter der NS-Herrschaft an ganz bestimmte Voraussetzungen geknüpft war. Wer erfolgreich sein wollte, musste in bestimmten Formen an der NS-Gesellschaftsordnung partizipieren.
Während der kriegsbedingten Schließung der RWTH hatte Opitz das Amt des stellvertretenden Dozentenbundführers inne.26 Der Dozentenbund ist nach damaligem Verständnis „der Stoßtrupp der Bewegung und ist dieser für die Durchdringung des gesamten Lebens der Hochschule im nationalsozialistischen Geiste verantwortlich.“27, wie es das Vorlesungsverzeichnis 1939/40 beschreibt. Welche Aufgaben Opitz in der Zeit erfüllt, lässt sich nicht rekonstruieren. Dennoch war ein solches Amt aus Karrieregründen nicht unbedingt notwendig und kann so als ein „gewisses politisches Engagement gewertet werden“,28 zumal diese Organisation zur reinen ideologischen Verbreitung gedacht war. Historisch gesehen muss dies aber nicht unbedingt der Fall gewesen sein, wie Ulrich Kalkmann schreibt: „Ein generalisierender Schluß, wonach die Übernahme eines Amtes im Dozentenbund die betreffende Person als aktiven Nationalsoziallisten ausweist trifft jedoch nicht zu […]“.29

Als Leiter des WZL richtet er dessen Aufgaben auf die Bedürfnisse des Krieges aus. Man arbeitet mit staatlichen Auftraggebern zusammen, forscht an Themen, die für die Aufrüstung relevant sind und bezieht seine Förderungen u.a. aus dem „Reichsforschungsrat“. Durch seine Mitgliedschaft in den obengenannten verschieden NS-Organisationen sichert er wohl den Fortbestand des WZL und die Möglichkeit, weiterzuarbeiten und zu forschen.30 Darüber hinaus sind Opitz und das WZL erheblich an der Rüstungsforschung beteiligt. Er wird beispielsweise 1943 zum Leiter des Arbeitskreises M im Hauptausschuss für Panzerwagen und Zugmaschinen ernannt.31 Das WZL ist für Rüstung und Krieg so wichtig, dass Opitz zu Kriegsbeginn als unabkömmlich gilt. Er besteht für seine Mitarbeiter auf die gleiche Unabkömmlichkeit, sodass diese nicht an die Front müssen.32 Dieser „Schutz“ vor einem Kriegseinsatz kann kaum als ein Akt der Nächstenliebe gegenüber seinen Mitarbeitenden oder als Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewertet werden. Das WZL beschäftigte sich insbesondere mit Rüstungsforschung. Die Unabkömmlichkeit seiner Mitarbeitenden war also essenziell für den Erhalt der Rüstungsforschung am WZL, welches für die nationalsozialistische Führung hohe Priorität hatte. Es handelt sich hierbei wohl weniger um ein besonderes Engagement für seine Mitarbeiter als vielmehr um eine Sicherung der eigenen Position und der eigenen Forschung sowie des NS-Rüstungsapparates.

Cornelia Kompe führt in ihrer Dissertation Aussagen von Zeitzeugen auf, die berichten, Herwart Opitz habe verboten, Uniform zu tragen oder sich politisch zu äußern. Ulrich Kalkmann hält ein solches Verbot für „im Dritten Reich so gut wie nicht durchsetzbar“, da viele von Opitz Kolleg*innen ebenfalls in der SA und NSDAP waren.33 Er vermutet Zweckmäßigkeit hinter dem Verbot. Weitere Quellen für dieses Verhalten gibt es nicht. Eine Wertung als politische Stellungnahme ist deshalb zwar nicht endgültig auszuschließen, aber mit größter Vorsicht zu betrachten.

Das Entnazifizierungsverfahren von Opitz ist ebenfalls zu diskutieren. Opitz wird als Mittäter eingestuft und daraufhin entlassen. Er bekommt damit keine finanzielle Unterstützung und hat kein Recht auf Einspruch gegen dieses Urteil. Dies ist also eigentlich ein endgültiges Urteil, dennoch versucht Opitz mit allen Mitteln, wie beispielsweise einem Sondererlass des Sozialminister NRWs, eine Wiederaufnahme zu erreichen. Laut Krebs und Tschacher habe Opitz außerdem eine gefälschte KPD-Mitgliedschaft vorgewiesen, um diesen Prozess zu gewinnen.34 Nach zweimaliger Ablehnung durch die Militärregierung erreicht er sein Ziel dennoch. Er bekommt ein Entlastungszeugnis und darf damit wieder an der RWTH lehren. Diese Entscheidung muss allerdings im Kontext der damaligen politischen Situation gesehen werden. Die westlichen Alliierten fürchteten im beginnenden Ost-West-Konflikt den Verlust wichtiger Schlüsselpersonen und hochqualifizierter Wissenschaftler an die Sowjetunion. In der deutschen Gesellschaft und der neuen politischen Führung war das Bedürfnis nach vollständiger Aufarbeitung der NS-Zeit gering. Die begangenen Verbrechen wurden nicht aufgeklärt, nur selten wurden einzelne Täter verurteilt. Opitz wurde von allen politischen Parteien und den Gewerkschaften gestützt.35 Seine Mitgliedschaften in den nationalsozialistischen Gremien waren mindestens für sein Entnazifizierungsverfahren „minderbelast[…][end]“.36 Mit seiner Fälschung seines Lebenslaufes durch eine vorgebliche KPD-Mitgliedschaft macht sich Herwart Opitz der Vertuschung seiner Vergangenheit schuldig. Es ist anzunehmen, dass Opitz sich der Schwere seiner Verstrickungen bewusst war und versuchte, durch die Vortäuschung einer kommunistischen Parteizugehörigkeit seine Mitgliedschaften in den genannten Gremien zu relativieren. Opitz hat damit seinen Einreihungsbescheid nicht wegen fehlender, sondern trotz seiner Verstrickungen in den Machtapparat des Nationalsozialismus erhalten.

Opitz (r.) mit dem damaligen Rektor
HArch Aachen, 1.3.1_Kra 1
Insgesamt war Herwart Opitz nach heutiger Quellenlage mindestens ein Mitträger des Systems. Als Mitglied in NSDAP und SA stützte er das NS-Regime, wenn auch wohl nicht in zentraler Position. Er arbeitete mit seinem Institut an der Rüstungsforschung der Nationalsozialisten. Sicherlich geht Opitz Engagement im Dozentenbund über das eines bloßen Mitläufers hinaus. Auch seine Entnazifizierung kann darüber nicht hinwegtäuschen, war sie doch maßgeblich durch politische Umstände und nicht durch Schuldabwägung geprägt.

Mittäterschaft an konkreten Verbrechen ist ihm allerdings nicht nachzuweisen. Ebenso wenig gibt es Hinweise auf Opitz persönliche ideologische Überzeugungen. Lediglich seine gefälschte KPD-Mitgliedschaft zeugt von einer kriminellen Eigeninitiative, wenn auch nur, um seine eigenen Verstrickungen zu verschleiern.

Es sind vielfältige Motive für Opitz‘ Handeln denkbar. Nicht jedes NSDAP- und SA-Mitglied war gleichzeitig auch ein überzeugter Anhänger der NS-Ideologie, weshalb die genaue Intention der jeweiligen Person allein aus der Mitgliedschaft kaum zu rekonstruieren ist.37 Viele Menschen traten den NS-Organisationen aus opportunistischen Gründen bei und beteiligten sich am Regime, um ihre Karrieren fortsetzen zu können. Gerade in der Wissenschaft war dies weit verbreitet. Gleichzeitig waren es aber eben auch die vielen opportunistischen, vermeintlich unbedeutenden Mitläufer, die das System maßgeblich stützten. In der Geschichtswissenschaft wird gerade auch die Bedeutung solcher Mitläufer betont, ohne die ein totalitäres System nicht in dieser Weise möglich ist.38 Selbst dort, wo persönliche Motive aus damaliger Sicht nachvollziehbar waren, kann und muss eine Partizipation am NS-Regime heute kritisiert und verurteilt werden. Falls Opitz kein überzeugter Anhänger der NS-Ideologie gewesen sein sollte, entzog er sich diesem System auch nicht und leistete keinen aktiven Widerstand.

Opitz Rolle in der öffentlichen Erinnerung und heutiger Umgang mit seinem Erbe:

Vor dem Hintergrund dieser schwierigen Gesamtlage stellt sich die Frage, warum eine Büste von Herwart Opitz noch heute im WZL steht. Die RWTH und insbesondere das WZL verdankten ihm viele Erfolge hinsichtlich ihrer Forschung, Entwicklung und Bekanntheit. Dem gegenüber steht seine Beteiligung in unterschiedlichen Bereichen der NS-Herrschaft.

Lange Zeit wurde die Verwicklung der RWTH und ihrer Hochschulangehörigen in den Nationalsozialismus größtenteils verschwiegen. Die Neuzeit-Historiker Werner Tschacher und Stefan Krebs heben in ihrem Aufsatz „Vom Heldenkult zur Skandalbewältigung“ vor allem den Umgang mit Herwart Opitz und Walter Rogowski hervor.39 Lange hat die RWTH die Vergangenheit dieser beiden Professoren verschwiegen und nur deren positive wissenschaftliche Errungenschaften thematisiert.
In den Jahren seines Wirkens legt Opitz die Grundsteine für die heutige Arbeit des WZL. Unter seinem Einfluss wurde die Forschung des WZL stärker als bis dahin üblich geprägt von Markt- und Zukunftsorientierung. In Anlehnung an seinen Vorgänger Wallichs knüpfte er in der Zeit nach dem Weltkrieg Kontakte in die regionale Wirtschaft.40 Er schafft mit dem Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium (AWK) eine „der bedeutendsten Kongress-Veranstaltungen der Produktionstechnik“41 und damit eine Plattform, um sich in den schwierigen Nachkriegsjahren mit der Industrie vernetzen zu können.
Herwart Opitz etabliert am WZL die bis heute bestehende „Alles unter einem Dach“ Organisationsstruktur. Durch diese Organisation können alle Probleme die in einem Unternehmen auftreten, das mit Werkzeugmaschinen arbeitet, am WZL gelöst werden. Dieser ganzheitliche Ansatz war damals innovativ und federführend. Noch heute arbeiten vier Fachbereiche im WZL unter einem Dach.42 Das Prinzip der Industrienähe und die allumfassende Betrachtung der Probleme, machte das WZL zu einer ausgezeichneten Ausbildungsstätte.43 Noch heute beruft sich das WZL auf diese durch Opitz etablierten Alleinstellungsmerkmale. Sie heben beispielsweise die „praxisorientierte Ausbildung“ und den Umgang mit dem „Gesamtbereich der Produktionstechnik in einem Hause“44 hervor.
Diese Errungenschaften waren lange Zeit fast die einzigen Informationen über Herwart Opitz Vergangenheit. Durch ein bewusstes „Nicht-Erinnern“ ging die Vergangenheit von Hochschulangehörigen im Nationalsozialismus verloren.45 Dieses Verschweigen war in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg kein Einzelfall.46 Zu einer angemessen Erinnerungskultur gehört aber auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Opitz‘ Entnazifizierungsbescheid lieferte zwar formal die Möglichkeit, seine Verstrickungen auszublenden, muss jedoch aus heutiger Perspektive äußerst kritisch gesehen werden. Immerhin zogen die Alliierten die gesellschaftliche Reintegration des „Mittelbaus“ des NS-Regimes einer lückenlosen Aufarbeitung und Verfolgung aller Angehörigen des Apparates vor und ermöglichte so auch überzeugten Nationalsozialisten sich wieder in die „entnazifizierte“ Nachkriegswelt einzugliedern.47 Weder unter den Alliierten noch in der neu gegründeten Bundesrepublik bestand Interesse an einer vollumfänglichen Aufarbeitung der NS-Zeit und dem Anteil einzelner, insbesondere erfolgreicher und systemtragender Persönlichkeiten. Wissenschaftliche Bedeutung zählte hier mehr als die Entnazifizierung der RWTH. Wie jemand mit einer derart undurchsichtigen Vergangenheit im Nationalsozialismus wieder eine Lehrerlaubnis und damit eine Führungsposition an einer der wichtigsten technischen Hochschulen des Landes bekommen konnte, ist aus heutiger Sicht wenig nachvollziehbar.

Seit den 2000ern ist die RWTH stärker um eine Aufarbeitung ihrer Vergangenheit bemüht.48 Dabei bewegt sie sich in dem Spannungsverhältnis, die lange Zeit vorhandenen Lücken in Bezug auf die eigene NS-Vergangenheit zu schließen, aber auch die Erfolge der RWTH und der betroffenen Personen wie Herwart Opitz nicht auszublenden. Eine solche historische differenzierte Betrachtung ist wichtig, um zu verstehen, warum die Hochschule wie auch Großteil der deutschen Nachkriegsgesellschaft lange Zeit untätig blieb und keine Aufklärung ihrer Vergangenheit vorantrieb. Ein derartiges Verschweigen ist aus heutiger Sicht einer differenzierten Erinnerungskultur nicht mehr angemessen. In diesem Sinne dient der Umgang der Institution RWTH sowie des WZLs mit dem Erbe der Person Herwart Opitz als Beispiel für die Fehler, Versäumnisse und das systematische Verschweigen der eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus. Für das Selbstverständnis dieser Hochschule ist es wichtig, an ihre Fehler ebenso wie an ihre wissenschaftlichen Errungenschaften zu erinnern, um nicht in einer „Erinnerungskultur des Verdrängens“ zu leben.49 Vielmehr muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich wissenschaftlicher Erfolg und NS-Verbrechen eben nicht gegeneinander aufwiegen lassen und es zur historischen Verantwortung Deutschlands und der RWTH gehört, dem eigenen Erbe gerecht zu werden. Dass die RWTH mit einem solchen Umgang kein Einzelfall, sondern viel mehr charakteristisch für die gesamte westdeutsche Nachkriegsgesellschaft ist, verdeutlicht einmal mehr die Defizite, die die deutsche erinnerungskulturelle Aufarbeitung der NS-Zeit bis in die Gegenwart hinein aufweist.50

Die Statue am WZL
AStA der RWTH

Es ist also aus dieser Perspektive nicht verwunderlich, dass die Büste Gegenstand kontroverser Diskussionen ist. Im Umgang mit dieser Büste stellen sich Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus, die wir an dieser Stelle weder beantworten wollen noch beantworten können. Daher müssen folgende Fragen in späteren Diskussionen aufgegriffen werden:
Wie sind
wissenschaftlicher Erfolg und problematische Vergangenheit zu bewerten? In welcher Weise trennt man diese richtig, kann man sie – wenn überhaupt – „richtig“ trennen? Und in welcher Art und Weise sollte die Büste einer solchen Persönlichkeit an der RWTH seinen Platz finden oder sollte diese besser entfernt werden?

(mb,sh,sp)

Literatur:

Aachen, H. d. (kein Datum). Biographische Datenbank der RWTH Aachen. Abgerufen am 05. Januar 2021 von http://www.archiv.rwth-aachen.de/biographischedatenbank/

Broszat, Martin (1986), Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, München.

Das WZL über sich. (kein Datum). Abgerufen am 23. November 2020 von https://www.wzl.rwth-aachen.de/cms/WZL/Das-WZL/Profil/~ceexv/Ueber-uns/

Herbert, Ulrich (2015), Holocaust-Forschung in Deutschland: Geschichte und Perspektiven einer schwierigen Disziplin, in: Frank Bajohr, Andrea Löw: Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt a.M., S. 31-82.

Kalkmann, U. (2003). Die Technische Hochschule Aachen im dritten Reich (1933-1945). Aachen: Wissenschaftsverlag Mainz GmbH Aachen.

Kater, Michael (1981), Die nationalsozialistische Machtergreifung an den deutschen Hochschulen. Zum politischen Verhalten akademischer Lehrer bis 1939, in H.-J. Vogel et. al. (Hrsg.): Die Freiheit des Anderen. Festschrift für Martin Hirsch, Baden-Baden

Kompe, C. (2009). Zwischen Wissenschaft und Industrie – Mechanismen des Wissens- und Technologietransfers am Aachener Werkzeugmaschinenlabor von 1906 bis 2006. DIssertation. Aachen: Hochschularchiv der RWTH Aachen. Abgerufen am 12. März 2015

Krebs/Tschacher 2, (2006). Einige Anmerkungen zum biographischen Forschungsprojekt „Die Erinnerungskultur der RWTH Aachen und das Erbe der Vergangenheit“. Abgerufen am 30. Januar 2021 von http://www.archiv.rwth-aachen.de/wp-content/uploads/2012/03/Erinnerungskultur.pdf

Krebs/Tschacher, S. W. (2009). Vom Heldenkult zur Skandalbewältigung: Überlegungen zur akademischen Erinnerungskultur der RWTH Aachen 2009. Hochschularchiv der RWTH Aachen. Abgerufen am 12. März 2015

Lumsden, R. (2000). A Collector’s Guide To: The Waffen–SS. . Ian Allan Publishing

Rückblick des AWK. (kein Datum). Abgerufen am 25. November 2020 von https://www.awk-aachen.com/rueckblick/

Stein, G. (1984). The Waffen-SS: Hitler’s Elite Guard at War 1939–1945. Cornell University Press.

Verweise:

1Cornelia Kompe, „Zwischen Wissenschaft und Industrie Mechanismen des Wissens- und Technologietransfers am Aachener Werkzeugmaschinenlabor von 1906 bis 2006“, S. 92 & 168
2
Kompe, S. 128f
3
http://www.archiv.rwth-aachen.de/biographischedatenbank/ zuletzt aufgerufen am 05.01.2020
4
Kompe, S 198ff
5
Kompe, S 87f
6
Kompe, S. 88 und 107
7
Kompe, S. 88ff
8Stefan Krebs und Werner Tschacher, „Vom Heldenkult zur Skandalbewältigung“, S. 221
9Stein, S.297
10Kompe, S. 109
11
Kompe, S. 151
12
Kompe, S. 132f
13
http://www.archiv.rwth-aachen.de/biographischedatenbank/ zuletzt aufgerufen am 05.01.2020
14
Kompe, S. 167
15
Kompe, S. 88 und 107
16
Falter, S.475
17
Hier folgt eine weitere Einordnung der SA, die wir nachreichen werden.
18
Petter, S.569f
19
Kompe, S. 108
20
Kompe ,S. 107f
21
Kompe, S. 109
22
Lumsden, S. 109
23
Stein, S.297
24Kompe, S. 88ff
25
Kater, S. 49-75
26Kalkmann, S. 424
27Tschacher/Krebs, S.221 Fußnote 136 ein Zitat aus dem Vorlesungsverzeichnis 1939/40
28
Kompe, S. 109
29
Kalkmann, S. 61
30
Kompe, S. 197
31
Kompe, S. 118
32
Kompe, S. 112
33
Kalkmann, S. 408 Fußnote 1
34
Krebs/Tschacher, S. 222
35
Kompe, S. 128ff
36Krebs/Tschacher 2, S. 7
37Falter, S.484f
38
Die Frage, wie das NS-System sich erhalten konnte und vom wem es konkret getragen wurde, ist in der Geschichtswissenschaft vielfach diskutiert worden. Dabei entwickelte sich zunehmend ein Verständnis, das weniger die einzelnen Hauptschuldigen, als vielmehr die Bedeutung weiter Teile der Gesellschaft als Mitläufer und indirekte Träger des Systems betont. Für einen knappen Forschungsüberblick zu diesem Thema vgl. Herbert, Forschungsüberblick, S.44; Beispielhaft für diese Forschungsrichtung vgl. Broszart, Der Staat Hitlers.
39
Tschacher/Krebs, „Vom Heldenkult bis zur Skandalbewältigung“ S.221
40Kompe, S.151
41
https://www.awk-aachen.com/rueckblick/ zuletzt abgerufen am 23.11.2020 13:00 Uhr
42Kompe, S. 153ff
43Kompe, S.152
44
https://www.wzl.rwth-aachen.de/cms/WZL/Das-WZL/Profil/~ceexv/Ueber-uns/ zuletzt abgerufen am 23.11.13:00 Uhr
45
Tschacher/Krebs, S.221
46
Kreis/Tschacher 2, S.8
47Wolfrum, 2. Absatz
48Krebs/Tschacher, S. 226
49Krebs/Tschacher S. 221f
50Kreis/Tschacher 2 S.8